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Rückblick: Berlin-Premiere »Der Chronist« von Marcus Welsch

Auf immenses Interesse beim Berliner Publikum stieß die Vorführung des Dokumentarfilms »Der Chronist« von Marcus Welsch in der Landesvertretung Baden-Württemberg am 14. Oktober 2019. Der Raum war fast bis auf den letzten Platz gefüllt. Nach dem Film gab es ein Filmgespräch mit dem ‚Chronisten‘ Wilhelm Waibel, dem Regisseur Marcus Welsch und Kay Hoffmann vom Haus des Dokumentarfilms, das Kooperationspartner der Veranstaltung war.

Bei der Begrüßung stellten Andreas Schulze, der Dienststellenleiter der Landesvertretung Baden-Württemberg, und Dr. Christine Glauning, die Leiterin des Dokumentationszentrums NS-Zwangsarbeit die Bedeutung der Arbeit von Wilhelm Waibel hervor, der schon Anfang der 1960er Jahre damit begonnen hatte, die Geschichte der Zwangsarbeit in Singen am Hohentwiel zu recherchieren.

Filmplakat

Er musste sich zunächst gegen zahlreiche Widerstände in den Firmen und auch in der Bevölkerung durchsetzen, die sich nicht mit diesem Thema auseinandersetzen wollten. Auch seine Versuche, mit den ehemaligen Zwangsarbeitern in der Sowjetunion, der Ukraine und Polen in Kontakt zu kommen, verliefen zunächst im Sand. Deswegen gab es für ihn schon Momente, in denen er an seinem Engagement zweifelte. Erst Glasnost und die Wende um 1989/90 ermöglichten intensivere Kontakte nach Osteuropa. Auf Vorschlag von Herrn Waibel wurde eine Städtepartnerschaft von Singen mit einer Stadt in der Ukraine aufgebaut, in der sehr viele der ehemaligen Zwangsarbeiter leben. Dies ermöglichte einen regelmäßigen Austausch und dem Aufbau freundschaftlicher Beziehungen auf privater Ebene. In dem Film stellt Marcus Welsch ganz klar Wilhelm Waibel in den Mittelpunkt, lässt ihn ganz sachlich über seine Aktivitäten und die Ergebnisse seiner Forschungen berichten. Beeindruckende Naturaufnahmen sind ruhige Momente in dem Film.

Der Dokumentarfilm entstand gänzlich ohne Fernsehgelder und Filmförderung, was eine besondere Herausforderung bedeutete und die Produktion über Jahre hinzog. Marcus Welsch wies darauf hin, dass die Ukraine im Moment bedroht werde durch die Politik Russlands und dies in Deutschland kaum öffentlich diskutiert werde. Hier wäre Solidarität gefordert. Auch die Heimkehrer hatten es nicht einfach, da ihnen eine Zusammenarbeit mit den Deutschen vorgeworfen und behauptet wurde, dass sie freiwillig nach Deutschland gegangen wären. Von daher waren sie sehr froh über die Recherchen von Herrn Waibel, die die Dokumente klar den Zwangscharakter zeigten. Er unterstützte viel dabei, entsprechende Dokumente zu finden, um ihre Ansprüche anmelden zu können. Wilhelm Waibel betonte, wie wichtig es gerade in der heutigen Zeit sei, sich intensiv mit der Vergangenheit zu beschäftigen, da es viele gäbe, die sie vergessen und verleugnen wollten. Er selbst ist sehr aktiv, die Erinnerung wach zu halten und ist in Singen inzwischen eine anerkannte Persönlichkeit, die mit der Ehrenbürgerwürde ausgezeichnet wurde. Von daher ist „Der Chronist“ ein wichtiger Film der Aufklärung, denn das Thema Zwangsarbeit und ihre Geschichte verdient auch noch mehr Aufmerksamkeit. 

(Kay Hoffmann)

Tags: doknews

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